Mein ganzes bisheriges Leben lang wurde die Politik in Deutschland mehr oder weniger von zwei Parteien dominiert. 1980, im Jahr meiner Geburt, gab es außer CDU, SPD und FDP eigentlich keine politische Kraft von nennenswerter Stärke. Die Grünen konnten bei der Bundestagswahl 1980 nur 1.5% erringen und waren damit viertstärkste Kraft. Seither waren sie immerhin einmal an einer Regierung beteiligt, scheinen aber, genau wie die 1990 das erste mal angetretene PDS, mittlerweile die LINKE, auch die Dominanz von CDU und SPD nicht brechen zu können. Alle diese Parteien haben ein Vollprogramm, das heißt, wenn ich meine Themen im Programm einer dieser Parteien finde, dann kann ich sie zwar wählen, bekomme aber neben meinen Themen auch noch einen riesigen Haufen Müll dazu. CDU zu wählen - oder eine der anderen großen Parteien - ist ein wenig so wie ein Schnitzel zu wollen und dafür ein Schwein umbringen zu müssen.
Derzeit sind die Ziele, die mir am Herzen liegen, fast deckungsgleich mit den
Zielen der Piratenpartei. Ein oder zwei sind dort nicht vertreten, aber was viel wichtiger ist: Keine einzige Aussage der Piraten widerspricht meinen Idealen. Gut, das kann sich ändern - aber die Piraten haben sich ja "mehr Basisdemokratie" auf die Fahnen geschrieben. Ich darf also zumindest unproblematisch mitentscheiden. Die Diskussion findet öffentlich auf Mailinglisten, im Forum oder
im Wiki statt. Alle diese Möglichkeiten stehen auch Nichtmitgliedern offen. Ebenso die
Stammtische: Diskussionsbeiträge sind immer gern gesehen und niemand wird dazu gezwungen, sich zum Status seiner Mitgliedschaft zu bekennen. Mein einziges Privileg als Mitglied der Piratenpartei ist, bei den Parteitagen über so entwickelte Vorschläge abstimmen zu dürfen. Ähnliche Transparenz findet sich sonst nirgends, bei keiner anderen Partei. Vor zwei Wochen war der Landesparteitag des Landesverbands Baden-Württemberg. Wir hatten dort zwei Mitglieder der Grünen zu Gast, die sich ohne weiteres im Grünen-T-Shirt offen dazu setzen konnten. Einer der beiden wollte gerne eine Rede halten; das Rederecht dazu konnte er als Nichtpirat nicht selbst beantragen, das hat dann aber ganz einfach ein in der Nähe sitzender Pirat erledigt.
Aufgrund der Größe der Piratenpartei ergeben sich noch ganz andere Mitmach-Möglichkeiten. Wir haben uns zwar mit der Europawahl für die Parteienfinanzierung qualifiziert, die wird jedoch jährlich ausgezahlt, beginnend mit 2010. Somit können wir uns keine Agentur leisten, die für uns plakatiert, und machen das selbst. In meinem Fall sieht das so aus, dass Sibylle und ich vor einer Woche die ersten Plakate in der Karlsruher Weststadt aufgehängt haben.
Für die anderen Stadtteile haben sich größtenteils andere Piraten gemeldet, an anderen Orten funktioniert das ähnlich. Die meisten von uns haben sich selbst im Wiki dafür eingetragen, ohne dass groß zur Versammlung geblasen werden musste; selbstverständlich ist aber auch eine Freiwilligmeldung beim
Stammtisch möglich.
Neben der Plakatierungsaktion habe ich mich auch an mehreren Infoständen beteiligt, z.B. einmal nach der Europawahl in Freiburg, und jetzt bis zur Bundestagswahl in Karlsruhe. Auch hier findet die Koordination im
Wiki statt. Wie auf der Koordinationsseite zu sehen ist, geht es bei uns dabei auch noch um die kleinen Details. Wir habe kein riesiges Lager voll mit Werbematerial; wir sind darauf angewiesen, dass sich genug Piraten finden, die Material organisieren können. Damit meine ich jetzt nicht nur,
Buttons oder Flaggen zu kaufen, sondern vor allem auch Dinge wie z.B. unser
Wahlprogramm auszudrucken. Man fühlt sich zwar als Handlanger für Internet-Ausdrucker schon ein wenig schmutzig, aber auf der anderen Seite hat es mir auch eine Menge Spaß gemacht, das Programm in eine Papier-sparende Form zu bringen (
PDF, A4 quer, Duplex, Bindung an kurzer Seite, ausgeschossen für A5-Faltbroschüre), mir ein Werkzeug zu basteln, mit dem ich die selbst gedruckten Broschüren in der Mitte zusammenheften kann (Materialkosten ca. 4 Euro plus vorhandenes Bastelmaterial) und anschließend am Infostand den Interessenten in die Hand zu drücken. Ein anderes Beispiel ist das Dosenwerfen, das wir am Samstag zum ersten Mal veranstaltet haben. Da war das Prinzip das selbe: Jemand hat sich um die Motive gekümmert und in das Piratenwiki gestellt, jemand hat leere Katzenfutterdosen mit diesen Motiven beklebt und noch jemand hat ein Katzenschutznetz besorgt, das wir als Ballfang benutzen konnten. Die Wut, mit der die Teilnehmer - durchaus breit gefächerten Alters - auf Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen, Günther Öttinger, Frank-Walter Steinmeier und Karl-Theodor zu Guttenberg geworfen haben, war diesen Piraten vermutlich den Aufwand wert.
Weitere Informationen zur Piratenpartei.