Sibylle und ich sind ja Vegetarier. Also, nicht richtige Vegetarier. Es gibt da ja die Ovo-Vegetarier, die auch Eier essen. Oder die Lacto-Vegetarier, die Milch trinken. Wir sind dementsprechend Ovo-Lacto-Pesce-Carne-Vegetarier, sprich: Wir dürfen Hühnereier, Milch, Fisch und Fleisch essen. Nur die ekligen Sachen nicht, z.B. in Schokolade gepackte Heuschrecken, oder eben Kaviar. Ach ja, und mit dem Gemüse haben wir es auch nicht so.
Was macht man also in so einer Situation, wenn man trotzdem Kaviar essen möchte? Man kann ja nichts dafür, wie man beschaffen ist, es muss doch auch für Leute wie uns eine Möglichkeit geben...
Richtig! Man baut sich den Kaviar erstmal selbst. Und weil der Fischgeschmack auch irgendwo doof ist, soll er nicht nach Fisch schmecken, sondern am besten nach Campari - weil der auch schön rot ist.
Also beim nächsten Apothekenbesuch bei der reichlich verdutzten Apothekerin
Calciumlactat und
Natriumalginat bestellt:
Die Apothekendöschen sehen mal anders aus als überstylte Kochzutaten. Sogar beim Salz kommt man fast nicht mehr um eine bunte Packung herum. Ich überlege fast, das Kochsalz aus dem Supermarkt demnächst durch Natriumchlorid aus der Apotheke zu ersetzen.
Natriumalginat ist in dieser Anwendung ein Geliermittel. Auf 150 ml Campari kommen ca. 1,5 g Natriumalginat. Das klumpt erwartungsgemäß ziemlich fies, aber mit Geduld (oder war es Gewalt? Ich verwechsel die beiden immer) bekommt man relativ einfach ein von der Konsistenz her an Sahne erinnerndes Campari-Gel. Das war der cremigste Campari, den ich je probiert habe.
Das Campari-Gel wird dann in eine Lösung aus ca. 5 g Calciumlactat in 750 ml Wasser getropft. Mit dem Strohhalm ging das schon ziemlich gut: Einmal aufgezogen lässt sich die Tropfgeschwindigkeit dadurch steuern, dass der Strohhalm entsprechend der gewünschten Geschwindigkeit mehr oder weniger schräg gehalten wird. Was passiert? Die Alginsäure klaut sich die Calciumionen und härtet aus. Für mal so eben in den Drink genügen ein bis zwei Minuten Verweildauer der Camparikügelchen in der Calciumlactatlösung, je länger die Verweildauer, desto dicker die feste Haut um die Kügelchen. Das ganze sieht dann so aus:
Das Mundgefühl dieser Kügelchen ist relativ interessant. Wer sonst keinen Kaviar isst, dürfte es unter Umständen noch gar nicht kennen. Für alle anderen sind kleine, rote Kügelchen in Orangina vermutlich immer noch eine seltene Art, einen Campari Orange zu genießen. Nach der Katze werfen kann man die Kugeln auch, gibt allerdings auf dem Teppichboden eventuell rote Flecken.
Erfunden haben wir das natürlich wieder nicht selbst: Hier ist noch der Link zu dem
Kochbuch von Thomas Vilgis, aus dem die Idee stammt.